Berg | Vortrag | Kraut | Vorrat      Wernetshausen, 11. Februar 2018

Sonntagvormittag. Ansätze, Absätze, Aufsätze, Vorsätze, Grundsätze, Nebensätze et cetera. So war es im Einladungstext zum heutigen Syndikatsanlass zu lesen. – Winter 2018, der 11. Februar. Lassen wir es angehen! Unser Standort: das Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen, eine Aussenwacht der Gemeinde Hinwil im Zürcher Oberland. Ja, der Gedanke, alles sei Satz – und hier an diesem schönen und professionell geführten Ort ist es genau so – und dieser sei adäquat, also liebevoll und sorgfältig in andere Sprachen oder Bedeutungsräume zu übersetzen, das Um-uns-Herum sei sprachlich verhandel- und verwandelbar, also umsetzbar, zu guter Letzt verwertbar und deswegen wertvoller Satz, all das darf sich wohl nirgendwo besser als in diesem Hause ansetzen und durchsetzen lassen. «Satz!» Wenn Sie mir das kleine Vergnügen erlauben, schimpfen Sie mich nicht albern, lassen Sie mich kurz abschweifen, um mich im Satzdickicht wieder zu finden und konkret aus einem riskanten Schabernack eine situationsrettende und sogar lehrreiche Tugend zu machen. Selbst beim morgendlichen Kaffee bleibt er übrig, der Satz, im Unterschied zur angeregten flüchtigen Konversation etwa, die Sie in frühen Stunden führen mögen, sofern Sie nicht zu den unwilligen, mürrischen, also schweigsamen Frühaufstehern gehören sollten, und selbstverständlich vorausgesetzt, Sie wählen die entsprechende Technik der Zubereitung. Und er, der Satz, lässt sich einem Recycling zuführen, quasi wiederaufbereiten. Ihn neu auf- und einsetzen zu können, erübrigt sich demnach keineswegs. Hier neutralisiert das vermeintliche Abfallprodukt beispielgebend Fremdgerüche, etwa in unseren Kühlschränken. Und dort schätzen wir das dunkle Mehl als Pflanzendünger. Und, nebenbei gesagt, es ist, man staune nicht wenig, Ameisen- wie Katzenschreck, aber auch hilfreiche Beigabe zur Cellulite-Behandlung. Sie wissen schon, die an sich harmlosen Veränderungen des Bindegewebes der Unterhaut, deren umgangssprachliche Titulierung Anleihen bei den Zitrusfrüchten macht, Stichwort Orangen, deren Oberflächenstruktur wiederum als Bezugspunkt zu den ungeliebten Dellen an Oberschenkeln und Hinterteil herhalten muss. So ist das alles sprachlich zu erklären und herzuleiten im Leben.

Vom Apfelsinenschalenähnlichen wieder zurück zum Samen der Kaffeepflanze. Im Kaffeelexikon der weltumspannenden Firma Tchibo lesen wir wie folgt. «Botanisch gesehen handelt es sich trotz des Namens nicht um Bohnen: Kaffeebohnen sind stattdessen eigentlich Steinkerne, die in den Früchten der Pflanze, den sogenannten Kaffeekirschen, meist paarweise enthalten sind.» Soweit also die Schleichwerbung. Ja, die Inhaltsstoffe einer solchen zerkleinerten Bohne – wir sprechen vom Alkaloid Koffein – dürfen exemplarisch als belebendes, nach dem Genussmittelverbrauch als, wie ausgreifend veranschaulicht, hilfreiches Elixier fungieren. «Eine Kaffeebohne besteht grösstenteils aus Nährgewebe und enthält etwa 0,8 bis 2,5 % Koffein.» Ich schlage kein Rad, aber die Brücke: Wo Worte ihrerseits tunlichst nicht langweilen sollten, üben auch sie anregende Wirkung auf uns aus. Das schmackhafte Gift, das Pflanzen als Frassschutz dient, erfreut sich – wohlgemerkt bei richtiger Dosierung – bemerkenswerter Beliebtheit unter uns Menschen. Nun aber mutieren Buchstaben zu psychoaktiven Partikeln. Sie stimulieren, von guter Stimme getragen, und geleiten bestenfalls zu stimmungsvollen Erkenntnissen, zu Bewusstseinsprozessen und gut durchdachten und doch vom Augenblick getragenen Lebensschritten. Gedanken und Worte lassen sich mahlen, zermahlen, aufbrühen, geniessen, also heranziehen und weiterverwenden und letztlich umspannend und sicherlich in spannenden Abläufen in andere Sprachen übertragen. Aus in- und ausländischen Schriftbildern lesen wir wie aus dem Kaffeesatz. Der eine oder andere unter Ihnen entdeckt darin einen vertieften Daseinswunsch; mancher mag auch nur auf die Ungeduld stossen, nicht schnell genug auf den Punkt kommen, die Muster des Zufalls nicht klar genug deuten zu können. Wo Sprache und Inhalte zum überreizten und unerträglichen Geschwurbel zu werden drohen, da hebt denn doch genau eine eventuell anschliessende Tasse Kaffee wieder die Laune und rettet, was sich zu retten anbietet.

Die einleitende Exkursion soll nicht vom eigentlichen Thema ablenken, sie soll hingeführt haben. Sie mögen glauben, da hat sich einer aber ganz schön verloren im Hause Looren in seinen Ausführungen. Werden Sie bitte nicht ungeduldig! Schwarz auf Weiss und als Klartext formuliert: Heute geht es um nicht mehr und nicht weniger als eine Expedition ins Reich der Ausdrucksarten, der hoch gehandelten Niederschriften oder des tiefgründig Hochkarätigen. Das will sich im Dschungel eine Schneise schlagen. Wir wollen die kennzeichnende zukünftige Ausrichtung des Bergkrautsyndikats umschiffen. Und umfahren heisst hier erkunden und ausformulieren. Worin denn bewegen wir uns eigentlich? Wir wollen Taue werfen. Wir werden zum Umschlagbahnhof dessen, was wir uns von der Einrichtung an sich und insbesondere unserer Teilnahme an den Syndikatsveranstaltungen versprechen. Wegsam und gezielt haben Sie sich vergleichend beim Phänomen des Kaffeesatzes aufhalten lassen müssen. Eine Bildkorrektur sei gestattet: Wir riskieren keine Unruhe, kein Herzrasen oder Schlafstörungen. Gesprochenes und Geschriebenes sei uns moderates Verbindungsglied zwischen bereits Erlebtem oder ins Leben Gerufenem und neuen Ufern. Als Ihr Fährmann möchte ich meine Geisteskraft dafür einsetzen, gemeinsam in eine Übersetzungsleistung einzutreten. Dennoch, wir bleiben im Fluss und reisen stetig weiter. Unser Koffein ist die Kräuteressenz, das sorgsam Angesetzte, wunderlich Flüchtige wie Heilsame in ihr. Poetisch ausgedrückt: Um Knöchel und Waden kräuselt das Kraut! Sehen Sie mich als helfende Figur eines Transits. Als solche löse ich meinen aktiven Anteil an den Syndikatsveranstaltungen ein. Der Begriff «Syndikat» lässt aufhorchen, ist er doch schillernd. Bei uns ist er kein beunruhigender Zusammenschluss von Kriminellen, sondern von mehr oder weniger braven Unternehmungslustigen, womit dem Kriminellen an sich die Lust am Unternehmen nicht abgesprochen werden soll. Bürokratisch gedacht sind wir Verwalterinnen und Verwalter von wunderbaren Angelegenheiten. Gemeinsam befinden wir über den Wert unserer Ware. Wir stehen mitten im Prozess konkreter Syndizierung. Auch Kartellabsprachen sind hier willkommen. Wir können Verkrustungen aufbrechen, geschlossene Fensterläden und Türen einstossen.

Was geschah bisher? Es wurden Safranknollen gesetzt, rotes Gold, ein Schwertliliengewächs in der Hasenweid, 150 an der Zahl, in 1000 Meter Höhe. Daraus ist die Safransociety erwachsen, eine Untergruppe der Syndikatsangehörigen. Nach erfolgreicher Ernte werden wir bestenfalls mit einem Safranrisotto beschenkt. Zuvor und als Einstiegsveranstaltung ward ein Alpenfeuer entfacht. Mit den Höhenfeuern wird seit 1988 alljährlich ein Zeichen für die Erhaltung des Erbes des Alpenraums sowie gegen die Zerstörung des sensiblen Ökosystems Alpen gesetzt. Es gab einen Knollenspaziergang in der Agglomeration. Trüffel, gesucht und gefunden, mit Hunden, ganze 500 Gramm, bei Uster im Wald. Inspiriert von einer alten Älplerrezeptur haben wir einen Balsam angesetzt, konkret eine Wund- und Seelencrème heimgetragen. Die Ingredienzien seien benannt: Bündner Arvenharz, vorzügliches Olivenöl und Bienenwachs vom Walder Tierarzt und Imker Johannes Prevost. Alchimistisch wurden dann Metalle zu Münzen gegossen. Jörg und Liz Kim Domeisen, ein Künstlerpaar, haben ihren sensiblen Ort, eine Schmiede in Rapperswil, für uns aufgetan. Mitgebrachtes Gold, Silber und Kupfer, fand den Weg in die Schmelze und wurde – vorerst noch symbolisch – zur zukünftigen Syndikatsmünze erhoben. Jens Martignoni und Julia Weber brachten uns das Thema «Alternative Währungen» näher. In Monatsrhythmen wird dem Bergkraut-Unternehmen Gestalt verliehen. Der soziale, kommunikative, ethische und ganz allgemein lebenserhaltende Ansatz spricht für sich. – Hier und heute der fünfte Anlass: Worte fallen und gefallen oder nicht. Auffällig schön, so lautete zumindest die Vorgabe; sinnstiftend und hilfreich, um farbig einem Manifest das Wort zu reden.

Und wieder symbolisch und für dieses Mal gänzllich ungesüsst gesprochen darf der Bergkräutertee unser Durstlöscher werden. Initiator und treibende Kraft ist und bleibt der erfinderische, umtriebige, kunstbeflissene und liebend gern parlierende Andri Köfer. In seinem und im Sinne seiner Partnerin Daniela Villiger darf ich sagen, dass wir festhalten, aber nicht für ewig festschreiben wollen, was das Syndikat für jeden einzelnen von uns und für ein gemeinsames Unterwegssein bedeuten soll und kann. Jeder von uns wird im Anschluss, in Tat und Wahrheit nach dem Mittagsschmaus, gebeten sein, ein ausformuliertes Mosaiksteinchen zu setzen. Meine Rede versteht sich als ein Stimulans. Schöne Worte hin und her, halten Sie Ihren Gedanken in Ihren Worten fest, auf Ihre Weise wegweisend. Sentenzen, Gedanken, einen Herzenswunsch, ein Ansinnen, einen Appell oder ein Ziel. Wenige Worte, etwas Aussagekräftiges, gerne einen vollständigen Satz. Wenn Sie wollen, auch eine Zeichnung. Was ein- und ausfliesst, ist versetz- und umsetzbar. Sie dürfen anonym, sehr gerne aber auch namentlich auftreten. Wir sammeln und verlesen Ihre/Eure Inputs noch heute, um uns der Zustimmung aller Anwesenden zu versichern. In einem weiteren Prozess dient das Festgehaltene als geistiges Vehikel für das Überbegriffliche des Konglomerats «Bergkrautsyndikat». Die persönlichen Statements und Worte sollen aufbereitet und quasi als Vorrat an Prämissen gestaltet werden. Das seit zwei Jahrzehnten bestehende Künstlerkollektiv köfer | hess – Robert Hess, von Haus aus Grafiker und Andri Köfer, vom Bildhauerischen kommend – behält sich eine kunstgrafische Aufarbeitung des von uns Formulierten vor. Wenn alles nach Plan läuft, halten wir das Endprodukt spätestens im Sommer 2018 als Druckbogen in Händen. Es hat einen Namen: Das Farbige Manifest – Bergkrautsyndikat 2018. Und genau das soll heute seine erste Materialisierungsstufe erklimmen.

Das Farbige Manifest kann künstlerische, erdverbundene, lebensfrohe und eben auch lebendige Satzung sein, deren Teilaussagen und Wünsche dennoch zu universellen Überschriften führen dürfen. Ich hole aus: Wir schätzen den Zauber diskreter Empfindungen und majestätischer Landschaften, die sprudelnde Klarheit der Gedanken und unserer Professionen. In jedem Moment bleiben wir individuell Denkende und Sprechende, Öffnungsklauseln sind uns grundlegend eingeschrieben. Wir machen uns kundig, etwa in Naturbüchern oder bei Vordenkern. Wir tun es kund, lassen uns umgarnen im Atem der Buchen und Arven, der Minzen und Münzen, der Melisse und schwarzen Zuckerrohr-Melasse. In Lebensbereiche hineinschauen, darüber Querverbindungen herstellen, Menschen in neuen und uns fremden Konstellationen kennenlernen, in einer Erlebnisgemeinschaft zusammengeschweisst werden, sich dem Unberechenbaren anvertrauen, ja, sich darin beheimaten. Wir verbinden Ahnenwissen mit Innovation, Experimentierfreude mit Geruhsamkeit, Gletscherwasser mit Beschaulichkeit. Gold, Feuer, Kristallines, Pflanzen, Berge, Feinstrukturen, Wühlmäuse, Missstände in unserer Gesellschaft, Zusammenhalt, ein Kunst- und Kulturansinnen, keine Statuten, keine Protokolle, keine Vereinsversammlungen, keine Verbürokratisierung. Eine Bewegung zwischen Zerfliessen und Wuchern, Kristalliseren und Brechen. Wir reformieren uns mit jeder Veranstaltung selber. Und das alles für einmal und für heute in auffällig schöne Worte gekleidet. – Meine Damen und Herren, liebe Syndikantinnen und Syndikanten, vergessen Sie das alles wieder und finden Sie Ihren eigenen Wunsch-, Ihren Herzenssatz!

Um Ihnen noch etwas Kostbares mitzugeben, stelle ich drei Anleihen aus der Weltliteratur in den Raum:

Zitat Nummer 1 – Robert Walser

Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine grosse, breite Zunge leckt. Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und blendend weiss, das Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die Lippen sind wie ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach vorn, über die Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze beinahe die Köpfe der Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein anderes Mal tritt sie wieder vor, ein schlafendes schön angekleidetes Mädchen auf ihrer breiten, weichen Fläche dahertragend. Die golden-hellen Haare des Mädchens fliessen wie eine Flüssigkeit von ihrem Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hält sie einen glitzernden Stern, ähnlich einem grossen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf dem Haar eingedrückt sitzt eine zierliche grüne Krone, ihr Mund lächelt im Schlaf, während sie so liegt, auf ihren Ellbogen gestützt, auf der Zunge wie in Bettkissen ruhend. Auf einmal öffnet sie ihre Augen, und das sind Augen, wie man sie manchmal in Träumen sieht, wenn sie sich, von irgendeinem übernatürlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen. Diese Augen haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen jetzt so nach allen Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend und suchend und schuldlos in die Welt blicken. – Aus der feurig-schwärzlichen Kehle klettert jetzt ein Mann hervor, angezogen mit fliegenden, scheinbar von einem halbtollen Schneider entworfenen Tüchern, die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet auf der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem Mädchen hin, beugt sich über sie und küsst sie. Im selben Augenblick sprühen aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die über die beiden, ohne sie im mindesten ängstlich zu machen, herabregnen. Der schlanke Mann hebt die junge Dame in seinen Arm und trägt sie nach rückwärts, die grosse Zunge wirft sich, indem sie sich hoch aufbäumt, über das Paar, um es im Rachen krachend und hinabpolternd zu verschlingen. Der weisse Stern des Mädchens blitzt vorn bei den Zähnen, da schiessen mit einem Male blaue, grüne, gelbe, hochrote, dunkelbläuliche und schimmernd weisse Sterne in einem feurig-farbigen Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich die Lippen des grossen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und warm hörbare Wort: Das Stück beginnt. Vorhang.

Zitat Nummer 2 – Ovid

Erst entsprosste das goldne Geschlecht, das, von keinem gezüchtigt, / Ohne Gesetz freiwillig der Treu und Gerechtigkeit wahrnahm. / Furcht und Strafe waren fern. Nicht lasen sie drohende Worte / Auf dem gehefteten Erz; nicht bang vor des Richtenden Antlitz / Stand ein flehender Schwarm: ungezüchtiget waren sie sicher. / Nie vom eignen Gebirg’, um der Fremdlinge Welt zu besuchen, / Stieg die gehauene Fichte hinab in die flüssige Woge: / Außer dem ihrigen kannten die Sterblichen keine Gestade. / Noch umgürteten nicht abschüssige Graben die Städte. / Nicht die grade Drommete von Erz, noch gewundene Hörner, / Auch nicht Helm war jetzo, noch Schwert: und der Söldner entbehrend, / Lebeten nun sorglos in behaglicher Ruhe die Völker. / Selbst annoch, unbeschatzt, und dem Karst nie pflichtig, noch jemals / Wund vom schneidenden Pflug, gab freudiger alles die Erde; / Und mit den Speisen vergnügt, die sonder Zwang sich erhuben, / Pflückten sie Arbutusfrucht, und des Bergtals würzige Erdbeern, / Auch des rauhen Geranks Brombeer, und die rote Kornelle, / Und vom gebreiteten Baume des Jupiter fallende Eicheln. / Ewig waltete Lenz, und sanft mit lauem Gesäusel / Fächelten Zephyrus Hauche die saatlos keimenden Blumen. / Bald auch gebar Feldfrüchte der ungeackerte Boden, / Ohn’ Auffrischung ergraute die Flur von belasteter Ähre. / Rings nun Bäche von Milch, rings walleten Bäche von Nektar; / Rings auch tröpfelte gelb aus grünender Eiche der Honig.

Zitat Nummer 3 – Fjodor Dostojewski

... Ich stand plötzlich, für mich ganz unverhofft, auf dieser anderen Erde, im hellen Glanze eines sonnigen, paradiesisch herrlichen Tages. Ich befand mich anscheinend auf einer jener Inseln, die auf unserer Erde den griechischen Archipel bilden, vielleicht auch irgendwo an der Küste des Festlandes, das an jenen Archipel anschliesst. Oh, alles war genauso wie bei uns, nur schien alles sonderbar festlich zu leuchten, in grosser, heiliger Feierlichkeit. Das liebliche smaragdgrüne Meer plätscherte leise an die Gestade und liebkoste sie mit deutlich sichtbarer, nahezu bewusster Liebe. Hohe, prächtige Bäume standen in voller Pracht ihrer Blüten; ihre zahllosen Blätter begrüssten mich mit ihrem leisen, lieblichen Rauschen und sprachen geradezu Worte der Liebe zu mir. Die Wiesen leuchteten von hellprangenden, duftenden Blumen. Vögel flogen in Scharen durch die Luft; sie setzten sich ohne Furcht auf meine Schultern und Hände und schlugen mich mit ihren lieblichen, flatternden Flügelchen. Und zum Schluss sah ich noch die Bewohner dieser glücklichen Erde und lernte sie kennen. Sie kamen selber zu mir, umringten und küssten mich. Kinder der Sonne, ihrer Sonne – oh, wie waren sie herrlich! Nie hatte ich auf unserer Erde solch eine Schönheit im Menschen gesehen. Vielleicht könnte man an unseren Kindern, in den allerersten Jahren ihres Lebens, einen entfernten schwachen Abglanz jener Schönheit finden. Die Augen dieser Glücklichen strahlten in hellem Glanze. Aus ihren Gesichtern leuchtete Vernunft und eine bis zur höchsten Ruhe gediehene Erkenntnis; doch diese Gesichter waren heiter. Aus den Worten und den Stimmen dieser Menschen klang eine kindliche Freude. Oh, bei ihrem ersten Anblick verstand ich sofort alles, alles! ... bald begriff ich, dass ihr Wissen durch andere Erkenntnisse als bei uns auf Erden ergänzt und genährt wurde und dass auch ihre Ziele ganz andere waren. Sie wünschten sich nichts und waren ruhig; sie strebten nicht nach der Erkenntnis des Lebens, wie wir es tun, denn ihr Leben war ganz ausgefüllt. Jedoch ihr Wissen war tiefer und höher als unseres; denn unsere Wissenschaft trachtet das Wesen des Lebens zu erklären und sucht es zu ergründen, um die anderen zu lehren, wie man leben soll; – sie wussten aber auch ohne Wissenschaft, wie sie zu leben hätten. Das verstand ich, doch ihr Wissen konnte ich nicht begreifen. Sie zeigten auf ihre Bäume und ich konnte jenen Grad der Liebe nicht erfassen, mit der sie auf sie blickten, genau so, als wenn sie gleiche Geschöpfe vor sich hätten. Wissen Sie, vielleicht täusche ich mich nicht, wenn ich sage, dass sie mit ihnen sprachen! Ja, sie erfanden deren Sprache und ich bin davon überzeugt, dass jene sie verstanden. So sahen sie auch auf die gesamte Natur – auf die Tiere, die mit ihnen zusammenlebten, sie nie überfielen, bezähmt durch die Liebe der Menschen. Sie deuteten auf die Sterne und sagten mir etwas von ihnen, das ich nicht verstehen konnte; aber ich bin fest davon überzeugt, dass sie durch irgendetwas mit den Himmelskörpern in Verbindung standen – nicht allein im Gedanken, sondern wirklich. Oh, diese Menschen bemühten sich nicht, dass ich sie verstünde, sie liebten mich ja ohnedies; dafür wusste ich, dass auch sie mich niemals verstehen würden und darum erzählte ich ihnen fast nie von unserer Erde. Ich küsste nur in ihre Gegenwart die Erde, auf der sie lebten, und vergötterte sie selbst, ohne je ein Wort zu sagen; sie sahen es und liessen sich vergöttern, ohne sich zu schämen, dass ich es tat — weil sie so viel liebten. Sie litten nicht um meinetwillen, wenn ich zuweilen mit Tränen in den Augen ihre Füsse küsste; voller Freude empfand ich es in meinem Herzen, mit wie mächtiger Liebe sie mir vergelten werden. Zuweilen fragte ich mich ganz verwundert: wie brachten sie es zustande, solch einen Menschen wie mich kein einziges Mal zu beleidigen und nie in mir ein Gefühl von Neid oder Eifersucht zu erwecken? Oftmals fragte ich mich, warum ich – solch ein Schwätzer und Lügner – vor ihnen nicht von meinen Erkenntnissen sprach, von denen sie natürlich keine Ahnung hatten – dass ich niemals den Wunsch hatte, sie damit in Staunen zu versetzen, oder auch nur aus Liebe zu ihnen? Sie waren ausgelassen und fröhlich wie Kinder. Sie lustwandelten in ihren prächtigen Hainen und Wäldern und sangen dabei ihre herrlichen Lieder; sie nährten sich von leichter Kost, von Früchten ihrer Bäume, vom Honig ihrer Wälder und von der Milch ihrer so anhänglichen Tiere. Um Nahrung und Kleidung mühten sie sich nur wenig. Sie kannten die Liebe und gebaren Kinder, doch niemals bemerkte ich unter ihnen ein Auflodern jener grausamen Wollust, die fast alle Menschen auf unserer Erde überkommt, die der einzige Ursprung aller menschlichen Sünden ist. Sie freuten sich ihrer neugeborenen Kinder als neuer Genossen ihres Glückes, sie kannten keinerlei Hader noch Eifersucht; sie wussten nicht einmal, was dies bedeute. Ihre Kinder gehörten allen, denn alle bildeten sie eine Familie. Es herrschten dort fast gar keine Krankheiten, obwohl sie auch starben; aber ihre Greise schieden sanft aus dem Leben, als wenn sie einschliefen – umringt von denen, die Abschied von ihnen nahmen, ihnen zulächelnd und sie segnend, vom seligen Lächeln der Umstehenden begleitet. Trauer oder Tränen sah ich dabei nie, es war nur eine bis zur Verzückung, zur ruhigen, vollen und geklärten Begeisterung gesteigerte Liebe. Man konnte glauben, dass sie mit ihren Toten auch nach dem Tode noch in Verbindung standen; dass ihre irdische Zusammengehörigkeit durch den Tod nicht gelöst wurde. Sie begriffen mich nicht, als ich sie über das ewige Leben befragte, sie waren scheinbar so sehr davon überzeugt, ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, dass diese Frage für sie nicht bestand. Sie hatten keine Tempel, doch es bestand ein echtes, lebendiges, ununterbrochenes Sicheinsfühlen mit dem All. Sie kannten keinen Glauben, dafür hatten sie die feste Überzeugung, dass, sobald ihre irdische Freude die durch die Natur gegebenen Grenzen erreicht hatte, für alle, sowohl für die Lebenden wie für die Toten eine noch innigere Berührung mit dem All eintreten werde. Sie erwarteten diesen Augenblick mit Freude, aber nicht mit Ungeduld und nicht mit leidenschaftlicher Sehnsucht, sondern so, als wenn sie ihn im Vorgefühl ihres Herzens schon besässen, wovon sie einander Mitteilung machten. Des Abends und vor dem Schlafengehen liebten sie es, harmonische, wohlklingende Chöre zu singen. In diesen Gesängen gaben sie alle jene Gefühle wieder, die der scheidende Tag ihnen gebracht hatte; sie priesen ihn und nahmen Abschied von ihm. Sie priesen auch die Natur, die Erde, das Meer und die Wälder. ... Ich erzählte ihnen öfters, dass ich all das schon früher vorausgeahnt hatte, dass diese Freude und Seligkeit mir schon auf unserer Erde als mächtige Sehnsucht erschienen war, die sich zeitweilig zu unerträglichem Leid steigern konnte; dass ich sie alle und ihr Glück in den Träumen meines Herzens und in den Phantasien meines Geistes vorausgeahnt hatte, dass ich oft – als ich noch auf unserer Erde war, die untergehende Sonne nicht ohne Tränen betrachten konnte ... dass in meinem Hasse gegen unsere Menschen ein Gram verborgen war: ... Sie hörten mir zu, doch ich merkte, dass sie sich das, was ich sagte, nicht vorstellen konnten; trotzdem bedauerte ich nicht, es ihnen gesagt zu haben: ich wusste, dass sie es begriffen hatten, wie mächtig meine Sehnsucht nach denen war, die ich verlassen hatte. Ja, wenn sie mich mit ihren freundlichen, liebevollen Blicken ansahen, wenn ich fühlte, dass bei ihnen auch mein Herz so unschuldig und rechtschaffen wurde wie die ihrigen, dann tat es mir nicht leid, dass ich sie nicht verstand. Das Gefühl der Lebensfülle machte meinen Atem stocken und schweigend betete ich sie an.

Ja, ja, es endete damit, dass ich sie alle verdarb! Wie sich das ereignen konnte, weiss ich nicht, doch erinnere ich mich deutlich, dass es so kam. Mein Traum durchflog Jahrtausende und hinterliess bei mir nur den Gesamteindruck. Ich weiss nur, dass die Ursache des Sündenfalles ich war. Gleich einer scheusslichen Trichine, wie der Keim einer Seuche, die ganze Länder erfasst, so habe auch ich diese Erde angesteckt, die vor meiner Ankunft glücklich und frei von Sünde war. Sie lernten von mir das Lügen, fanden Gefallen am Lügen und erkannten den Reiz der Lüge. Oh, das begann vielleicht unschuldig, nur zum Spass, aus Koketterie, als ergötzliches Spiel, vielleicht in der Tat aus einem Keim, doch dieser Keim der Lüge drang in ihre Herzen und gefiel ihnen sehr. Darauf entstand bald Wollust, aus Wollust Eifersucht, aus Eifersucht Grausamkeit ... oh, ich weiss nicht wie, ich kann mich dessen nicht erinnern, genug, dass bald, sehr bald, das erste Blut floss: sie waren verwundert und entsetzt und fingen an, auseinanderzugehen und sich voneinander zu trennen. Es entstanden Verbindungen, aber solche gegeneinander. Es begannen Vorwürfe und Beschuldigungen. Sie lernten die Scham kennen und erhoben dieselbe zur Tugend. Es entstand das Ehrgefühl; jede Verbindung erhob ihr eigenes Banner. Sie begannen die Tiere zu quälen und diese liefen von ihnen fort in die Wälder und wurden ihnen feind. Es begann ein Kampf um Sonderung und Trennung, um Persönliches, um Mein und Dein. Sie fingen an, in verschiedenen Sprachen zu reden. Sie lernten das Leid kennen und gewannen es lieb; sie lechzten nach Qualen und behaupteten, dass man zur Wahrheit nur durch Qual gelangen könne. Jetzt erschien bei ihnen die Wissenschaft. Nachdem sie schlecht geworden waren – begannen sie von Brüderlichkeit und Menschlichkeit zu sprechen und erfassten erst diese Ideen. Nachdem sie zu Verbrechern geworden waren, erfanden sie die Gerechtigkeit und schrieben sich ganze Gesetzbücher vor, um sie zu beschützen; und zur Sicherung der Gesetzbücher stellten sie eine Guillotine auf. Sie erinnerten sich kaum noch dessen, was sie verloren hatten; ja, sie wollten nicht einmal daran glauben, dass sie einstens unschuldig und glücklich gewesen waren. Sie lachten sogar schon über die Möglichkeit eines solchen früheren Glückes und nannten es ein Hirngespinst. Sie konnten sich dasselbe gar nicht vorstellen und in Formen versinnbildlichen, doch etwas war seltsam und wunderlich: wiewohl sie jeden Glauben an ihr gewesenes Glück verloren hatten und es nur ein Märchen nannten, begehrten sie doch so heftig, wieder von neuem unschuldig und glücklich zu sein, dass sie vor den Wünschen ihres Herzens gleich Kindern auf die Knie fielen, diese Wünsche vergötterten, Tempel erbauten und anfingen, ihre eigene Idee, ihren eigenen «Wunsch» anzubeten; zu gleicher Zeit glaubten sie fest an die Unerfüllbarkeit desselben und beteten ihn dennoch unter Tränen an und sanken vor ihm auf die Knie. Und trotz alledem, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, zu dem Zustand der Unschuld und der Glückseligkeit, den sie verloren hatten, zurückzukehren, und wenn ihnen jemand plötzlich diesen Zustand gezeigt und sie befragt hätte, ob sie zu ihm zurückzukehren wünschten – sie würden es gewiss abgelehnt haben. Sie sprachen zu mir: «Mögen wir Lügner, böse und ungerechte Menschen sein, wir wissen das und weinen deswegen, wir martern uns dafür, wir strafen uns vielleicht mehr als selbst jener barmherzige Richter, der uns richten wird und dessen Namen wir nicht kennen. Aber wir haben eine Wissenschaft und mit ihrer Hilfe werden wir von neuem die Wahrheit finden; doch werden wir sie dann bewusst aufnehmen: Erkenntnis steht über dem Gefühl, die Erkenntnis des Lebens steht über dem Leben. Die Wissenschaft wird uns Weisheit bringen, die Weisheit wird uns die Gesetze zeigen; und die Kenntnis der Gesetze des Glückes steht höher als das Glück selbst.» Das sprachen sie. Und nach solchen Worten gewann jeder sich selbst mehr lieb als alle anderen – ja, sie konnten auch nicht anders handeln. Jeder wurde so sehr auf sein eigenes Ich bedacht, dass er aus allen Kräften bestrebt war, die anderen ja nur zu erniedrigen und zu unterdrücken; und darin sah er den Zweck seines Lebens. So kam Sklaverei auf, ja, es gab sogar freiwillige Sklaverei; die Schwachen unterwarfen sich gern den Stärkeren, nur mit der Bedingung, dass sie ihnen behilflich seien, die noch Schwächeren zu unterdrücken. Es traten Gerechte auf, die zu diesen Menschen kamen und ihnen mit Tränen ihren Stolz vorhielten und über den Verlust von Mass und Harmonie und über die Einbusse der Scham sprachen. Sie wurden verlacht und mit Steinen beworfen. Heiliges Blut floss auf den Schwellen der Tempel. Dafür aber erschienen Leute, die ausfindig zu machen versuchten: wie könnten sich alle wieder vereinigen und wie könnte jeder seine Selbstliebe pflegen, ohne seine Nächsten zu stören? Auf diese Art würden alle wieder gemeinsam wie in einer einträchtigen Gesellschaft leben. Ganze Kriege entstanden wegen dieser Idee. Alle Kriegführenden waren fest davon überzeugt, dass Wissenschaft, Weisheit und Selbsterhaltungstrieb zu guter Letzt die Menschen zwingen würden, sich zu einer einträchtigen vernünftigen Gesellschaft zusammenzufinden; und darum waren alle «Weisen» bemüht, vorläufig zur Abkürzung des Prozesses rasch alle Nichtweisen, die ihre Ideen nicht verstanden, auszurotten, damit sie dem schliesslichen Triumph ihrer Idee nicht im Wege stünden. Aber der Selbsterhaltungstrieb wurde bald schwächer, es erschienen Stolze und Wollüstige, die geradezu forderten: Alles oder Nichts. Um alles zu erreichen, nahm man Zuflucht zum Verbrechen, und wenn es misslang – zum Selbstmord. Es kamen Religionen auf mit dem Glauben an das Nichtsein und an die Selbstvernichtung zum Zwecke ewiger Ruhe im Nichts. Endlich wurden diese Menschen müde in ihrer sinnlosen Arbeit und in ihren Gesichtern machte sich das Leiden bemerkbar. Und sie verkündeten: dass Leiden Schönheit bedeute, denn nur im Leiden sei ein Sinn enthalten. Sie priesen das Leiden in ihren Liedern. Ich ging unter ihnen umher, händeringend und klagend, aber ich liebte sie vielleicht noch mehr als damals, da auf ihren Gesichtern noch nicht das Leiden lag, da sie noch unschuldig und wunderschön waren. Ich gewann ihre durch sie entweihte Erde noch mehr lieb als früher, da sie noch ein Paradies war, und nur deshalb, weil auf ihr das Leid erschienen war. Ach, ich liebte stets Leid und Gram, aber nur für mich, für mich allein; doch um sie weinte ich, da sie mich dauerten. Ich streckte ihnen meine Arme entgegen und beschuldigte, verachtete und verfluchte mich selbst voller Verzweiflung. Ich sagte ihnen, dass an all dem nur ich, ich allein schuld sei; dass ich ihnen die Verderbnis, Seuche und Lüge gebracht hätte. Ich flehte sie an, mich ans Kreuz zu schlagen; ich lehrte sie ein Kreuz zimmern. Ich vermochte nicht, ich hatte die Kraft nicht, mich selbst zu töten; ich wollte von ihnen Martern empfangen, ich dürstete nach Martern, dürstete danach, dass in diesen Martern mein Blut Tropfen um Tropfen schwinde. Aber sie, sie lachten mich nur aus und hielten mich am Ende für blödsinnig. Sie verteidigten mich: sie sagten, sie hätten nur das bekommen, was sie sich selbst gewünscht hatten und alles hätte gar nicht anders sein können. Endlich aber erklärten sie mir, dass ich ihnen gefährlich werde und dass sie mich ins Narrenhaus stecken würden wenn ich nicht schwiege. Da drang das Leid mit solcher Heftigkeit in meine Seele ein, dass sich mein Herz zusammenkrampfte und ich fühlte, dass ich sterben müsse, und da ... ja, da erwachte ich. ...

Ja, es ist viel instruiert, gesetzt und gesagt worden. Mit Verwachsungen und inhaltlichen Querschlägen wollte ich Ihnen gefallen, durfte ich Sie hoffentlich unterhalten. Mit sprachlichen Besonderheiten und Banalitäten, mit Exquisitem, Kitschigem, Tiefschürfenden, mit Düsterem und Weitausholendem durfte ich ein Bild zeichnen und mich als Mann der Sprache, des Wortes und des Sprechens vorstellen. Sehen Sie in mir einen Lektor, Korrektor, Kulturjournalisten, schliesslich einen Souffleur am Schauspielhaus Zürich. Jeder von uns muss von etwas leben. Um mit einer meiner grössten Leidenschaften, nämlich dem Vorlesen, zu jonglieren, durfte ich einen kleinen literarischen Rundumschlag anhängen. Was Sie da gehört haben? Eine komisch-theatralische Episode vom Schweizer Schriftsteller Robert Walser, übertitelt mit «Entwurf zu einem Vorspiel – Eine Bühne», ein Auszug aus dem Ersten Buch der «Metamorphosen», Vers 89 – 112, überschrieben mit «Die vier Weltzeitalter», vom antiken römischen Dichter Publius Ovidius Naso, kurz Ovid. Folgende diesbezügliche Angaben seien dem Übersetzerhaus geschuldet: In der Übertragung von Johann Heinrich Voß (1798), mit Textergänzungen der in der Voß'schen Übertragung fehlenden Ovidstellen von Reinhart Suchier (1889). Zuletzt ein längerer Abschnitt aus einer späten Erzählung Dostojewskis, nämlich aus «Der Traum eines lächerlichen Menschen». Dieser Text wurde im «Tagebuch eines Schriftstellers» veröffentlicht. Wie alle Werke Dostojewskis ist er hastig geschrieben, mit sprachlichen Lässigkeiten. Das Tempo der Feder sei für die Hand, für den Lauf der Gedanken zu langsam gewesen. So beschreibt es Leo Langhammer im Nachwort der Ausgabe von 1922. Die Übersetzung – Übersetzer ist Julius Rendelstein – wollte diese Fehler nicht mildern und glätten, sondern sich getreu an die Urschrift halten. – Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und dem Übersetzerhaus in unser aller Namen für die Gastfreundschaft. Wie schön und inspirierend, dass wir an diesem Ort sein dürfen, an dem Sätze abgeklopft, Inhalte und Gedanken kunstvoll gedreht und gewendet werden, um schliesslich den angemessenen Ton zu treffen. «Looren» wie auch «Bergkraut» dürfen wir als sogenannte Non-Profit-Einrichtungen ansehen, im Grunde ein Unwort für eine gute Sache. Um die im Übersetzerhaus zwischen Sprachen und Kulturen vermittelnden Aktivitäten zu unterstützen, kann man – im Unterschied zu unseren freier verstandenen Strukturen – im klassischen Sinne Mitglied werden. 

Dostojewskis Erzählung endet so: «Indessen ist doch die Sache so einfach: an einem Tage in einer Stunde könnte alles durchwegs gerichtet sein. Vor allem: liebe die anderen wie dich selbst, dies ist die Hauptsache und es ist auch alles, mehr ist eigentlich nicht nötig: dann wirst du sofort wissen, wie du leben sollst. Im Grunde genommen ist das ja eine alte Wahrheit, die billionenmal gesprochen und gelesen worden ist, und doch hat sie sich nicht eingelebt! ‹Die Erkenntnis des Lebens steht über dem Leben, die Kenntnis der Gesetze des Glückes steht höher als das Glück selbst.› – Das ist es, wogegen angekämpft werden muss! Ich werde es. Wenn nur alle wollen, dann wird alles sogleich in Ordnung kommen.»

János Stefan Buchwardt     büro für sprachgestaltung 



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